Findbuch - Vorwort

Die Deutsche Einheit des Jahres 1989 markiert nicht nur eine Zäsur in der Staatsgeschichte Deutschlands seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie bewirkte auch eine Um- und Neuorientierung der seit 1968 in der Bundesrepublik verbreiteten politisch-sozialen Bewegungen. Als politische, gesellschaftliche und kulturelle Gegenbewegung hatten vor 30 Jahren Schüler und Studenten, später auch weitere Bevölkerungsgruppen, eine vielschichtige Opposition formiert, die sich nicht mehr auf die politisch-parlamentarische Ebene beschränken wollte. Es war der Aufstand gegen die Leere einer technokratischen Gesellschaft. Über zwei Jahrzehnte lang rieben sich Bürgerinitiativen und Komitees an Fragen der Rüstung, der Atomenergie, des Umweltschutzes, der direkten Demokratie, der Hochschulverfassung. Auch Fragen der regionalen Bezirke und des lokalen Gemeinwesens setzten diese Gruppen auf die Tagesordnung: Stadt- und Verkehrsplanung, multikulturelle Stadtteilpolitik, Schutz vor Lärm- und Abgasbelastung, Gleichstellung von Frauen, Eintreten für die Belange von Minderheiten.

Inzwischen sind diese Gegenkulturen der 70er und 80er Jahre abgelöst worden durch andere, differenziertere und in ihrem Facettenreichtum kaum noch zu überblickende "Kulturen der Erlebniswelt". Das Ende des 20. Jahrhunderts hat die Gegenkulturen zu einem Phänomen der Geschichte werden lassen. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch zahlreiche Veröffentlichungen zum dreißigjährigen Jubiläum der "68er Bewegung". Spätestens dann, wenn man die Mitteilung erhält, daß das, was von der ehemaligen "Neuen Linken" an Dokumenten, Berichten, Fotos, Plakaten und Erinnerungen übriggeblieben ist, den Weg in ein "Historisches Archiv" gefunden hat, ist ein Kapitel in der Geschichte der sozialen Bewegungen abgeschlossen.

Doch Archive sind nicht - wie vielfach stereotyp behauptet - der angestaubte Ort der Gerechtsame und Briefschaften vergangener Epochen. Sie verstehen sich als dauerhafte Institutionen in einer Informations- und Dienstleistungsgesellschaft, die verstärkt profundes und verläßliches Wissen über politisch-soziale Entwicklungen gerade der Zeitgeschichte nachfragt. Und diese Dienstleistung kann ernsthaft und befriedigend nur anhand von authentischen Dokumenten erbracht werden. Deshalb übernimmt das Historische Archiv große Anstrengungen, um durch aktive Überlieferungsbildung gerade jene Jahre, die wir selbst durchlebt haben und die in unseren Köpfen scheinbar selbstverständlich präsent sind, für die Nachwelt quellenmäßig belegbar und dokumentierbar zu erhalten.

Mein Dank gilt dem KölnArchiv e. V., dem Vorstand, den Archivbeauftragten und den Mitgliedern gleichermaßen für ihr Engagement und ihre Beharrlichkeit bei der Recherche und Zusammenstellung der Themendokumentation. Weiterhin muß der Verdienst der zahlreichen Initiativen und Einzelpersonen im Umfeld des KölnArchivs betont werden, die durch ihre Materialien die Dichte und Vollständigkeit der Überlieferung zu den Protestbewegungen in Köln nach 1945 ganz wesentlich erhöht haben. Daß nun eine Beständeübersicht vorliegt, ist Martin Stankowski als Initiator und Motor des Archivs zu verdanken. Rudolf Kahlfeld hat mit seinem archivarischen Fachwissen diesem - aus seiner Entstehung her zu erklärenden - "kreativen Chaos" eine handhabbare Form und Struktur gegeben. Eberhard Illner hat ihn bei dieser Arbeit unterstützt. Irene Franken hat sich der Mühe unterzogen, die Dokumentation zum Forschungsprojekt "Oppositionelle Bewegungen der 50er Jahre in Köln" in die Inventarstruktur einzugliedern. Archiv und Benutzer werden ihre Arbeit, deren Veröffentlichung der Landschaftsverband finanziell gefördert hat, dankbar zu schätzen wissen.

 

Köln, im Juli 1999

 

Everhard Kleinertz

Direktor des Historischen Archivs der Stadt Köln

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